Ablenkung
Der zweite Schritt meines täglichen Zyklus beschäftigt sich mit der Ablenkung. Wie das Wort schon sagt, wird die Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Ablenken – in eine andere Richtung bringen, lenken, (sich oder sein Vorhaben) brechen, beugen, abfälschen, abbiegen, umleiten, abbringen, auf andere Gedanken bringen, wegbringen, abführen, wegführen, verleiten, stören, zerstreuen, prokrastinieren, aufschieben, vertagen, anderes abarbeiten, verlagern, sich selbst nicht mehr Ernst nehmen, sich selbst zu Ernst nehmen, Unwichtiges plötzlich Ernst nehmen und Wichtiges nicht mehr Ernst nehmen. Man bringt sich um sein eigenes Vorhaben, selten mit einem freien Geist oder guten Gewissen, aber dennoch mit erstaunlicher Ausdauer. Zum gekonnten, ausdauernden Ablenken gehört die Fähigkeit des Ausblendens und Leugnens. Die eigentliche Aufgabe wird für den Moment vergessen oder kleingeredet.
Sich wirklich zu konzentrieren oder den Fokus auf eine einzige Sache zu legen ist in der heutigen Zeit eine zunehmend schwierige Angelegenheit. Diverse soziale Medien und Kommunikationsmittel offerieren unaufhörlich und stetig Unterhaltung und sozialen Kontakt. Begibt man sich nicht aktiv selbst auf die Suche nach Ablenkung, sondern bietet sich ihr durch die Nutzung von Facebook oder Instagram passiv an, so werden einem in kürzester Zeit unzählige Links, Videos, Fotos, Musik und eine Bilderflut von Menschen, denen man „folgt“ dargeboten. So verliert man sich und sein selbstbestimmtes Handeln im Handumdrehen und in unkontrollierten Fingerklicks im Internet und schaut nahezu unbemerkt 63 Fotos einer Freundin an oder klickt 119 Mal auf Facebook (TAG 11).
Leistungs- und vor allem Zeitdruck und daraus resultierende Panik wirken gegen das Ablenken. Durch das Annehmen und Erlauben dieses Verhaltens und durch das Einschließen der Ablenkung in meinen Zyklus, habe ich diese Widerstände jedoch entmachtet. Durch das penible Aufschreiben musste ich mich sehr genau damit auseinandersetzen, was und vor allem wozu ich gewisse Sachen mache. Viel Ablenkung entspringt (m)einer generellen Neugier für aktuelles Geschehen – kulturell, sowie zwischenmenschlich. Es wird ein neuer Musiker und dadurch eine neue Videoproduktionsfirma entdeckt, die es zu erfoschen gilt (TAG 6 bzw. 7). Oder es wird ein eventueller Babybauch auf einem Foto vermutet, wonach ich die Prognose zu bestätigen oder zu widerlegen versuchte (TAG 5). Für dieses Verhalten habe ich den Begriff „Modern Stalking“ erfunden.
Das Bewusstmachen und Dokumentieren vom „sich verleiten lassen“ kann längerfristig zu neuen Einstellungen führen. Denn durch den selbstreflektierten Blick auf das eigene, zum Teil so sinnlos verbrachte Handeln, wird man Konsequenzen ziehen, um nicht vor sich selbst im Ansehen zu sinken. So fasste ich z.Bsp. am 18. Tag eine durch das Protokollieren meiner Ablenkungen verursachte Entscheidung: Ich deaktivierte Facebook. Was längerfristig zu einer Option weniger auf dem „Ausschweifprogramm“ führte, sorgte an dem Tag für drei weitere Punkte, denn ich musste ergooglen, ob man Facebook überhaupt löschen kann, wenn man eine sog. „Like Page“ als Künstler hat, und mir nach verneinender Antwort einen Weg ausdenken, wie ich es trotzdem auf inaktiv stellen könnte. (TAG 18)
Ein ebenfalls auffälliger Hergang des Ablenkens ist das Abarbeiten anderer, weniger unangenehmer Erledigungen. Wer aufschiebt, schafft häufig mehr, indem er anstelle des einen geplanten Vorhabens, vor dem es sich zu drücken gilt, drei weniger schlimme Dinge erledigt. Ich nenne das „die Hierarchie des Unangenehmen“: Wer sehr lange prokrastiniert, oder sogar vielleicht kontrolliert anderes, weniger dringliches abarbeiten, wird früher oder später an den Punkt kommen, an dem sich der eigentlichen Aufgabe (ungeplant) genähert wird. In meinem Fall habe ich mich so lange vor dem Beginn des praktischen Diploms gedrückt, dass ich eines Tages zum Aufschieben mit dem theoretischen Teil begann. Eine interessante Gegenbewegung bzw. „Hinlenkung durch Ablenkung“ zeigte sich ebenfalls durch die Verpflichtung die Ablenkung protokollieren zu müssen. Denn am 16. Tag „fing ich lieber direkt an, um keine Liste schreiben zu müssen“.
Werden die aktiven, aber relativ gedankenlosen Abschweifungen also weniger oder verschwinden gänzlich, damit keine Punkte auf der Liste ergänzt werden müssen, bewegen sich die Ablenkungen inhaltlich in eine interessantere Richtung oder befassen sich mit dem Thema oder dem eigenen Befinden während des Ablenkens. So habe ich, beschämend, aber wahr am 20. Tag das Wort „Sinnlosigkeit“ gegoogelt und am 28. Tag eine Art Pamphlet über meine eigene Person verfasst.
Untersucht man die Listen auf ihre Länge, so ist deutlich erkennbar, dass sie mit fortschreitender Zeit stark geschrumpft sind. Am finalen Tag des Zyklus, Tag 31, habe ich schlichtweg vergessen eine Liste zu schreiben, da ich nach Ankunft im Atelier direkt mit dem Pinsel in der Hand die Arbeit begann.





























